Ideen für individuelle Lösungen Reha-Team

Aktuelle Ausgabe Nummer 40 / 2017

Künstler ohne Arme:

Carl Herrmann Unthan

Es ist durchaus angemessen, Carl Herrmann Unthan ein Multitalent zu nennen. Schon als Zehnjähriger konnte der ohne Arme geborene Sohn eines ostpreußischen Lehrers Geige spielen - mit seinen Füßen. Er besuchte ein Konservatorium und trat bereits im Alter von 20 Jahren als Geigenvirtuose mit Orchestern auf.
Auch im Alltagsleben war Unthan kaum auf Hilfe angewiesen. Tätigkeiten wie Kleidung an- und auszuziehen, zu schreiben, sich zu rasieren oder eine Krawatte zu binden, stellten für ihn infolge seiner intensiven Fußgeschicklichkeits-Übungen keine Probleme dar. Dass jedoch sein Publikum weniger wegen des Kunstgenusses, sondern vor allem aus Sensationslust (siehe auch Hintergrundinfo unten) in die Konzerte kam, wurde dem Musiker spätestens klar, als während einer Vorstellung eine Violinsaite riss und er sie mit den Füßen ersetzte.
Die stürmische Begeisterung inspirierte ihn fortan zu immer neuen artistischen Kunststücken. Beispielsweise schoss Unthan als Kunstschütze die Symbole aus Spielkarten oder holte Stecknadeln vom Boden eines Wasserbeckens mit den Zehen herauf. Er betätigte sich als Schauspieler (https://www.youtube.com/watch?v=qeJzuWKKqHI) und tippte seine Autobiografie per pedes in die Schreibmaschine.
Im Laufe seine Lebens gelangte Carl Herrmann Unthan zu der Überzeugung, dass seine Künste eigentlich von jedem Menschen ausgeübt werden könnten, einfach durch Willenskraft und hartes Training. Mit dieser Einstellung ging Unthan nach dem Ersten Weltkrieg immer wieder in sogenannte „Krüppelheime“ und Armeekrankenhäuser - um Invaliden und Kriegsversehrten neuen Lebensmut zu geben.

Menschenzoo mit Massenpublikum

Zu Lebzeiten von Carl Herrmann Unthan (1848 - 1929) wurden Menschen mit körperlichen Fehlbildungen oft noch wie exotische Tiere öffentlich präsentiert. Auf Jahrmärkten, in Zirkuszelten, Panoptiken und Schaubuden ergötzte sich ein Massenpublikum an der Andersartigkeit dieser, wie es damals hieß, „lebenden Kuriositäten“. Solcherart Sensationsgier kannte keine humanistischen Grenzen. Erst mit dem Aufkommen der Kinos und der Rückkehr unzähliger grausam verstümmelter Weltkriegssoldaten wurden diese makaberen Shows unpopulär.